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Die Geschichten: James Blackforest

James Blackforest: Der Sommer kommt noch einmal 20. Der Sommer kommt noch einmal!

Der Sommer kommt nochmals in seiner ganzen Kraft. Die Leute jammern, aber viele nutzen diese Gelegenheit zum Baden. Denn es könnte die letzte in diesem Jahr sein.

Mit dem Sommer kommt auch ein fürchterlicher Gestank. Es sind zwei Schutterwälder Landwirte, die Schweinegülle auf ihre Felder ausbreiten. Nicht nur Käfersberg leidet darunter, sondern auch die Offenburger Innenstadt. Die Bürger verdächtigen den Abwasserzweckverband. Ein Bürger setzt die Messe ins Unrecht und die wiederum geben den schwarzen Peter an den Zirkus Fliegenpilz weiter.

Aber James Blackforest entdeckt die beiden Landwirte in Nähe der Autobahn, wie sie auf ihren Äckern die Schweinegülle ausbreiten.

„Seid ihr denn wahnsinnig, in der ganzen Stadt stinkt’s“, schimpft der James, „muss denn das sein?“
Der eine Bauer antwortet gelassen: “Dies ist alles Naturdünger und Schweine müssen auch mal bieseln!“
„Mach doch Treibstoff damit. Hast Du noch nie von Biodiesel gehört?“, meint James.
„Was, Biodiesel?“, fragt der eine Bauer erstaunt.
„Ja, Biodiesel“, murmelt James, „dazu gibt es eine Apparatur, mit der kannst du deinen Scheiss in billigen Diesel umwandeln. Auch billigen Strom kann man damit machen.“
„Wie komme ich zu so einer Apparatur?“, fragt der Bauer interessiert.
„Gib mir deine E-Mail-Adresse, ich mail dir dann die Adresse und die Informationen dazu“, erläutert James.

Beide tauschen die Mail-Adressen aus, aber zu einem Eis am Stadtbuckel hat James keine Lust mehr. Zu sehr dominiert der Geruch der Gülle in seiner Nase. Stattdessen fährt er über die B33 in das Kinzigtal.

Dort an der Ortenberger Brücke, entdeckt er die Wagenburg der Zigeuner, die heute ganz groß in der Tageszeitung steht. Der Ortenberger Bürgermeister kennt scheinbar seine Gemarkungsgrenzen nicht. Der Nachbar, die Stadt Offenburg kennt ihre Stadtgrenze besser. Die Zigeuner lagern doch auf Ortenberger Gebiet, muss sich der Bürgermeister belehren lassen.

Als ehemals Ortenberger Bürger weiß ich auch, dass der Ortenberger Bürgermeister, ein Held der vergangenen Tage, als es um die Zwangseingemeindung von Ortenberg ging, was besseres zu tun hat als seinen Tagesablauf mit einer Tageszeitung abzustimmen.

Aber ist die Tageszeitung vielleicht rassistisch, wenn sie den Ortenberger Bürgermeister auf die Wagenburg hinweist. Kennt die Tageszeitung nicht das Gesetz „Leben und Leben lassen“?

Zumindest werden hier Menschenrechte verletzt. Bei Artikel 2 steht: „Niemand darf grundlos unterschiedlich behandelt werden. Wir haben alle ein Recht auf Gleichbehandlung. Die Rechte in dieser Erklärung gelten für alle Menschen, wie auch immer sie sich nach Sprache, Aussehen, Hautfarbe oder Religion unterscheiden mögen.“

In Artikel 3 ist noch ein Aspekt dazu: „Alle Menschen haben ein Recht auf Leben. Wir alle haben ein Recht auf Leben und eine Recht, in Freiheit und in Sicherheit zu leben.“

Weiter Artikel 13: „Das Recht, sich frei zu bewegen. Wir alle haben das Recht, in unserem Land zu leben, wo wir wollen und dorthin zu reisen, wohin wir wollen.“

Der Autor wohnt nicht unweit von einem Ort, wo die Menschenrechte vor über sechzig Jahren schwer mit den Füssen getreten wurden. Es ist die Stadt Dachau, die heute noch versucht ihr schlechtes Image durch Förderung der Kunst wegzuwischen.
Sind es nicht dieselben Gedanken von damals, die die Zeitung verwendet, um den Unterschied der Zigeuner zu den anderen Menschen herauszuheben?

James fährt jetzt am Sunsweierer Baggersee vorbei. Die Sonne brennt wie die Sau, wie manchmal der Volksmund solch eine Hitze beschreibt. Jetzt ist er auf der Höhe vom Bellenwald, links fliegt Berghaupten vorbei. Bei Biberach biegt er ab in seinen Heimatort Prinzbach. James ist in Prinzbach aufgewachsen. Alte Erinnerungen

Link zu Prinzbach
Prinzbach
kommen hoch, als er so im Untertal die Straße hoch ins Dörfle fährt. Dort auf der Wiese am Hang spielte er damals mit seinem Bruder und den Nachbarskindern Bergfußball. Oben war das Tor. Kleidungsstücke markierten die Torpfosten. Der Ball wurde den Berg hinauf gespielt. Es galt auch als Tor, wenn der Ball ins Tal rollte. James spürt heute noch den Muskelkater, wenn er an Bergfußball denkt. Prinzbach war im Mittelalter eine Stadt. Teile des Grabens und der Stadtmauer sind heute noch sichtbar.
Link Pfarrkirche Prinzbach
Pfarrkirche Prinzbach

An der Kirche stellt James sein Auto ab. Er geht zur Kirchentür. Die Kirchentür ist nicht verschlossen. James geht in die Kirche hinein.

Dort beim Taufbecken wurde James getauft, sagen die Eltern. Er kann sich nicht mehr daran erinnern, dass er dort mal in aller Öffentlichkeit gebadet wurde. An die Zeit, wo er in die Kirche gehen musste, freiwillig wäre er ja nie gegangen, hat er gute, wie auch schlechte Erinnerungen. Er ist auf jeden Fall froh, dass er heute bezüglich Kirchenbesuch selbst entscheiden darf. Rechts vorne saßen die Buben, links die Mädchen und hinten waren die Erwachsenen.

Damals verstand er nicht, von was der Pfarrer sprach. Die Leute sagten nur Amen! Die Kanzel blieb ihm gut in Erinnerung. Wie der Pfarrer manchmal dort oben tobte und schrie. Trotzdem schlief so mancher auf der Kirchenbank, aber beim Schlusslied, da waren alle wieder wach. Eiligst verließ man die Kirche. Die Frauen eilten nach hause, schließlich mussten sie ja kochen. Die Männer trafen sich in der Wirtschaft. Dort gab es Neuigkeiten vom Dorf oder es wurde politisiert. Der Pfarrer erzählte ihm mal, du bist der Leib und du hast eine Seele. Dabei klopfte er mit der Faust auf die Brust. James konnte das nie nachvollziehen. Na, wenn es so der Pfarrer sagt. Später lernte James den Buddhismus kennen. Diese Gedanken dazu verstand er besser. Nur was der Prof. Wundt in Leipzig behauptete, dass der Mensch keine Seele hätte und nichts weiter als ein Tier wäre - da ist mir dann die These von diesem Pfarrer fast noch lieber. Damals brauchte der Reichskanzler Bismarck die Wundt’sche These, damit er besser seine Reichskinder im Krieg hätte verheizen können.

James verlässt wieder die Kirche. Auf der Treppe begegnet James eine alte Frau mit weißen Haaren.
„Hallo Maria“, grüßt nun James. Es war eine frühere Nachbarin, die er gerade noch erkannte. Denn das Gesicht war einmal farbiger und glanzvoller und den Kopf zierte ein kräftiges und schwarzes Haar, das sie manchmal zu einem Dutt geflochten hatte.
„Hallo Johann (so heißt James wirklich), ich hätte dich nicht erkannt, wenn du jetzt nicht gesprochen hättest“, murmelt Maria leise, „aber dir muss es wohl gut gehen. Denn so einen Bauch hattest du früher nicht. Aber dein Opa hatte auch so einen. Du siehst sehr deinem Opa ähnlich.“

Man tauscht noch dörfliche Veränderungen aus, ehe man sich wieder

Link Burgruine Hohengeroldseck
Burgruine Hohengeroldseck
verabschiedet. James fährt mit seinem Auto weiter ins Obertal. Von dort rüber zur Ludwigsstraße, eine Passstrasse die den Schönberg hoch geht. Nun fährt er den steilen Schlossberg hinauf bis zum Café unter der Burg Geroldseck.

Auf dem Parkplatz stellt er sein Auto ab. Das Café, das eigentlich eher einer Wirtschaft gleicht, hat am steilen Berghang Terrassen. James findet einen Platz, von wo man bis ins hintere Hamersbachtal sehen kann. Er bestellt sich ein gespritztes Bier und ein Schnitzel mit Pommes.

„Hallo Johann, was machst denn du da?“ Ein früherer Kumpel steht hinter ihm. „Ich dachte, du bist in München“, spricht sein früherer Freund erstaunt.
„Du Erich, seit ein paar Jahren wohne ich in Käfersberg, und keiner merkte etwas, als ich zwischendurch Prinzbach besuchte“, gibt James zur Antwort.
Erich setzt sich an den Tisch. Er bestellt sich eine halbe Bier.
„Aber, die Sonne brennt heute“, jammert Erich,“ „die Hitze ist zum Geißbockmelken!“
„Zu was?“, fragt James erstaunt.
„...zum Geißbockmelken“, wiederholt Erich. „Aber kennst Du das neueste über die Zigeuner-Wagenburg an der Elgersweierer Brücke?“
„Ja, schon gehört“ brummelt James gelangweilt in seinen Bart, „die Zeitung hetzt die Leute gegen die Zigeuner auf, wenn sie solch einen Artikel bringt und außerdem unterstellt sie dem Bürgermeister, dass er seine Gemarkungsgrenze nicht kennen würde.“
„James, der Sache ging etwas voraus, was nicht in der Zeitung stand“, erzählt Erich stirnrunzelnd mit einem diebischen Lächeln im Gesicht. Der „Volk“ aus Ohlsbach hat die Wiese, die er von der Gemeinde Ortenberg gepachtet hat, widerrechtlich an die Zigeuner bis 25.8. unterverpachtet. Nun zogen die Zigeuner nach dem 25. August nicht weg, sondern blieben einfach auf der Wiese. Der Volk brauchte aber die Wiese, um seinen Odel (Jauche) dort abzulassen. Nachdem die Zigeuner jedoch nach mehrmaligen Aufforderungen nicht weiter zogen, ging er zum Rathaus und wollte, dass sich der Bürgermeister um den Abzug der Zigeuner kümmere. Doch der Bürgermeister hatte was anderes zu tun. Aber der Volk ließ nicht nach und brachte die Sekretärin vom Bürgermeister fast zur Weißglut.“
„Mann, das ist ja stark. Klingt auch ein wenig nach dem Zauberlehrling, '...die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht mehr los'. Da muss jetzt der Ortenberger Bürgermeister als Meister her.“, so James amüsiert.
„Der Zauberlehrlig ist doch von Goethe“, murmelt Erich und nimmt einen großen Schluck aus seinem Glas.
„Ja, den hatten wir mal in der Schule, antwortet James und nimmt auch einen großen Schluck:

„Hat der alte Hexenmeister
sich doch einmal wegbegeben!
Und nun sollen seine Geister
auch nach meinem Willen leben.
Seine Wort und Werke
merkt ich und den Brauch,
und mit Geistesstärke
tu ich Wunder auch.

Walle! Walle
Manche Strecke,
dass, zum Zwecke,
Wasser fließe
und mit reichem, vollem Schwalle
zu dem Bade sich ergieße [...]

Stehe! Stehe!
Denn wir haben
deiner Gaben
vollgemessen! -
Ach, ich merk es! Wehe! Wehe!
Hab ich doch das Wort vergessen!

Ach, das Wort, worauf am Ende
er das wird, was er gewesen.
Ach, er läuft und bringt behende!
Wärst Du doch der alte Besen!
Immer neue Güsse
bringt er schnell herein,
Ach! Und hundert Flüsse
stürzen auf mich herein [...]

(Siehe dazu das vollständige Gedicht von Johann Wolfgang Goethe „Der Zauberlehrling“: www.unix-ag.uni-kl.de/~conrad/lyrics/zauber.html)

„Da verpachtet der Hund die Wiese an die Zigeuner. Die ziehen aber nicht weg. So soll der Ortenberger Bürgermeister das Problem lösen und die Tageszeitung macht eine lustige Story daraus, auf Kosten des Bürgermeisters, der seine Gemarkungsgrenze nicht kennen soll und auf Kosten der Zigeuner, die eh einen schlechten Ruf haben und im allgemeinem auch allen Zigeunern schadet,“ erläutert Erich.
„Kennst du die Story vom alten Riedinger, dem Odelfuhr-unternehmer?“, fragt James, der gerade im Schnitzel mit dem Messer zu einem tiefen Schnitt ansetzt.
„Nein, James!“, so Erich.
„In den Siebziger Jahren war auch so eine Wagenburg am großen Deich, genau auf der Gemarkungsgrenze von der Stadt Offenburg und Ortenberg. Weder die Gemeinde Ortenberg noch die Stadt Offenburg schafften es, dass die Zigeuner weiterzogen. Der Riedinger, der immer auf den Gemeindewiesen seine Jauche abließ, fuhr damals mit seinem Unimog und geöffnetem Tankanhänger um die Wagenburg der Zigeuner. Er hatte sich dabei nichts gedacht und fuhr so aus reiner Neugier um die Wagenburg, denn Zigeuner sind ja auch malerisch und interessant“, erzählt James, der nun sein Glas leer trinkt und ein neues bestellt.

„Den Zigeunern muss es gestunken haben!“, bemerkt Erich.
„Ja, sie zogen dann auch ab.“, so James weiter, „aber die Zigeuner sind auch selbst schuld. Denn es gibt immer zwei Seiten. Ich habe nichts gegen Zigeuner! Nur, wenn der Ortenberger Wassermeister den Dreck hinterher wegräumen darf, was solche Wagenburgen immer hinterlassen, brauchen sich die Zigeuner über den Ärger, der über sie dann herein bricht, nicht zu wundern. Im Grunde sind es die schlechten Manieren, die sie an den Tag legen und damit die Leute verärgern und die wiederum mit Zigeunern nichts zu tun haben wollen und sich wegen ihrem schlechten Ruf voll bestätigt sehen.“
„Es gibt also zwei Seiten“, erkennt Erich, „einmal der schlechte Ruf wegen ihren Manieren und auf der andern Seite gibt es auch Menschenrechte, die von jedem geachtet werden sollten".

Weiter geht es in der nächsten James Blackforest Geschichte:
Das Fachbuch von Prof. Hubertus Häberle

16.09.2006

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